Anton

Jack Russel – Rüde Anton kam nach dem Tod seines Besitzers über verschiedenste Umwege und einige Zwischenstationen zu uns. Auch schon vor dem Verlust seines Herrchens schien er seit seiner Geburt im August 2013 ein sehr “bewegtes” Leben an vielerlei Orten geführt zu haben.

Anton war ein pfiffiger und überaus sportlicher Hund, ihm war kein Spazierweg zu lang und kein Wetter zu schlecht. Er lief und lief und lief und hatte dabei eigentlich immer gute Laune. Außerdem war er ein kluges Köpfchen. Denksportaufgaben erledigte er selbstbewusst und zielstrebig in kürzester Zeit. Wenn man möchte , machte er sich gerne auch im Home Office nützlich und half zuverlässig beim Aktenschreddern und der Altkartonzerkleinerung. 🙂

Leider hatte der kleine Terrier-Rüde große Schwierigkeiten damit Frust auszuhalten und zu verarbeiten. In Bezug auf Spielzeug (Zerrseile, Bälle, quietschende Spielzeuge usw.) zeigte er ein Verhalten, bei dem man durchaus schon von Suchtverhalten sprechen musste. Wenn sich Anton eine Möglichkeit zum Zerrspiel bot, konnte er nicht mehr damit aufhören. Genau wie bei den bekannteren “Balljunkies” verlor er die Kontrolle, geriet völlig außer sich und konnte dann in seinem Tunnelblick auf das Zergel-Objekt nur schwer Dinge wahrnehmen, die sich um ihn herum befinden. Hier half tatsächlich nur ein “kalter Entzug” und das Angebot von alternativen, ruhigeren Beschäftigungsmöglichkeiten (z.B. Tricks lernen, Nasenarbeit usw.). Wurde Anton die Möglichkeit zum Zergeln entzogen, ließ er sich schon nach kurzer Zeit auf Blickkontakt zu seinem Menschen ein und war so ansprechbar und trainierbar.

Anton war nie ein “Kuschelhund” und wurde nicht gerne angefasst. Berührungen jeder Art ließ er nur zu seinen Bedingungen zu und hatte leider in der Vergangenheit gelernt, dass man Menschen am effektivsten fernhält, wenn man dafür die Zähne einsetzt. Es gab aber auch Gelegenheiten, in denen er von sich aus zu seiner Bezugsperson kam und gestreichelt werden wollte. Deshalb wurde in der Pflegestelle nicht nur fleißig das Maulkorbtragen geübt sondern auch darüber hinaus trainiert. In Anton steckte eine Menge Potential und er war mit großer Motivation dabei, neue Dinge zu lernen. Beste Vorrausetzungen für Menschen, die Spaß daran haben, das begonnene Training mit ihm weiterzuführen.

In seiner Pflegestelle lebte der Terrier-Rüde friedlich und geregelt zusammen mit mehreren Hunden beiderlei Geschlechts. Auch auf Hunderunden war er an Artgenossen freundlich interessiert und aufgeschlossen. Er fuhr ruhig im Auto mit, war in seiner Pflegefamilie stubenrein und blieb dort für kurze Zeit problemlos alleine.

Anton hatte schon von Beginn an immer mal wieder Probleme mit einer steilen Treppe in seiner Pflegestelle. Und sein Unbehagen nahm über die Zeit immer weiter zu. Dank nochmaliger medizinischer Untersuchung wussten wir nach einigen Wochen dann auch warum. Anton hatte – ausgehend von der Wirbelsäule – Rückenschmerzen, die natürlich direkt behandelt wurden. Gleichzeitig wurden bei ihm auffällige Schilddrüsenwerte festgestellt. Ohne Schmerzen und mit einem Hormonhaushalt, der sich einpegelt, war der kleine Mann auch im Alltag und Training deutlich entspannter und umgänglicher.

Nach drei Monaten in seiner Pflegestelle hatte Anton sich trotz aller “Baustellen” zu einem richtig tollen Begleiter entwickelt. Seinen bekannten Menschen vertraute er voll und ganz. Anton war zu dem Zeitpunkt im Zusammenleben ein freundlicher, fröhlicher Kerl, er verhielt sich in der Wohnung angenehm ruhig und tobte draußen gerne im Garten mit seinem Tennisball! Jawohl – das ging nämlich mittlerweile tatsächlich sehr gut! 🙂 Anton liebte seinen Ball “Wilson”. Er apportierte ihn sehr sauber und sah mittlerweile – ganz ohne Diskussionen – ein, dass mit Wilson ausschließlich im Garten gespielt wird.

Ansonsten liebte Anton lange Spaziergänge mit ausgiebigen Schnüffelpausen, dabei läuft er immer an einer normalen Führleine. Seine “Zergel-Sucht” war in der Vergangenheit leider – vermutlich über Jahre – so gefestigt worden, dass lange / seil- oder zergel-ähnliche Gegenstände in seiner Nähe manchmal unvermittelt den Zerr-Reflex auslösen konnten. Neben Gartenschlauch und Knotenseil kann dies z.B. auch bei Schleppleine und Rollleine passieren, daher wird er bei uns ausschließlich an normaler Leine geführt und hat damit keinerlei Probleme. Seine ersten Ausflüge am Fahrrad hat er prima gemeistert.

Unter all der menschgemachten Verhaltensproblemen versteckte sich immer ein kleiner schlauer und echt witziger Terrier-Mann, mit dem es sich echt gut zusammenleben ließ wenn man ihn richtig lesen konnte.

Lange waren wir für ihn auf der Suche nach einem hundeerfahrenen Zuhause bei Menschen, die erkennen was für ein Charakterhund unser Anton ist und was aus ihm noch werden kann, wenn man ihm Zeit, Liebe und Verlässlichkeit schenkt.

Es tut uns unfassbar leid, dass Anton diese Chance nun nicht mehr hat.

Im Herbst 2021 verschlechterten sich innerhalb kurzer Zeit seine gesundheitlichen (und dadurch auch seine verhaltenstechnischen) Beschwerden so enorm, dass nach medizinischen Untersuchungen und Beratung leider klar war, dass wir Anton nur noch helfen können, in dem wir ihn schmerz- und leidfrei gehen lassen.

Anton war ein Hund, der in seinen 7 Jahren Hundeleben insgesamt 12 Mal!!! (so viel konnten wir rekonstruieren, vielleicht waren es sogar mehr) seinen Wohnort und/oder seine Besitzer gewechselt hat. Er hat immer und immer wieder sein Zuhause verloren und damit auch jedes Mal Alles was ihm bekannt war und ihm Sicherheit gegeben hat. Er wurde herumgereicht wie ein Wanderpokal, er wurde nicht angemessen medizinisch versorgt und nahezu niemand scheint ihn mit seinen Bedürfnissen und Eigenheiten ernstgenommen zu haben. Stattdessen wurde sein Suchtverhalten noch extra bestärkt, weil es ja so niedlich und witzig aussah, wenn der kleine Terrier komplett ausgeklinkt im Gartenschlauch oder Zerrseil hing. Witzig war das dann aber natürlich nur, so lange er nicht anstrengend war.

Anton war das Paradebeispiel eines Hundes, der durch Menschen verkorkst worden ist. Wir hoffen, dass wir in seinem Jahr bei uns ein wenig davon wieder gutmachen konnten und werden ihn ganz sicher nicht vergessen.


Anton, Du kleine Terrier-Rakete….. mach´s gut! 🧡