Boy

Jack Russel -Terrier – Rüde Boy wurde 2006 geboren und war beim Einzug in seine Pflegefamilie schon stolze 14 Jahre alt. Im Alter von 5 Jahren kam er zu seiner vorherigen Familie und war dort fast neun Jahre lang mit seinem Besitzer ein Herz und eine Seele. Im Frühling 2020 verlor er leider erst sein geliebtes Herrchen und kurz danach sein Zuhause und lebt nun seit Juni des selben Jahres in seiner Pflegestelle.

Gerade ältere Hunde verstehen oft die Welt nicht mehr, wenn sie ihre vertraute Umgebung plötzlich verlassen müssen. Daher war der kleine Mann nach seinem Umzug über Tage hinweg enorm gestresst und völlig “durch den Wind” und kam nur langsam nach und nach immer mehr an und zur Ruhe. Schnell war klar, dass er auch die Ein oder Andere medizinische Baustelle mitbrachte.

In einer dringend notwendigen Zahnsanierung mussten ihm schon kurz nach seiner Ankunft 15 Zähne gezogen werden, weil sie – versteckt unter jeder Menge Zahnstein – in katastrophalem Zustand waren und ihm starke Schmerzen bereiteten. Ständiger Husten durch eine Mykoplasmose, Alters-Tremor (Parkinson), Arthrose, eine beginnende Herzschwäche und erhöhte Leberwerte im Blut fielen ebenfalls schon kurz nach seinem Einzug auf und wurden behandelt und abgeklärt. Sein Gehör war altersbedingt nicht mehr das Beste, Sehen (und sogar Leckerli aus der Luft fangen) klappte allerdings immer noch prima. Zudem erholte sich der kleine Rüde außerdem von einer Pankreatitis, die vermutlich schon länger bestand. Boy zeigte außerdem deutliche Symptome einer bestimmten Hundeform von Demenz (canines kognitives Dysfunktionssyndrom, mehr darüber z.B. hier –> Demenz beim alten Hund) – darunter innere Unruhe und zielloses Umherwandern (vor Allem in der Nacht), Vergesslichkeit, Schreckhaftigkeit, große Anhänglichkeit, sich “festfahren” in Ecken und unter Stühlen usw.. Trotz dieser langen Liste schlug sich der süße Kerl aber wirklich tapfer und hatte trotz und gerade wegen seiner vielen kleinen Eigenheiten seine Pflegeeltern ganz schnell im Sack! 😉

Boy wusste immer ganz genau, was er will und was er nicht will. Zu Letzterem gehörte, dass er (schmerzbedingt) nur dann gestreichelt werden mochte, wenn ihm auch danach ist. Das Innere seines Körbchens war anfangs lange Zeit absolutes Sperrgebiet für Menschen, hier wollte er bis auf wenige Ausnahmen absolut nicht angefasst werden oder anderweitig Hände in seiner Nähe wissen. Seinen Missmut zeigte er immer ganz klar und fair durch Knurren und seine Körpersprache an. Trotzdem genoss Boy Körperkontakt und Kontaktliegen mit seinen Menschen sehr, man musste ihn halt einfach lesen lernen und bei Streicheleinheiten vorsichtshalber immer im Blick haben. Schon nach kurzer Zeit schlief er jede Nacht selig schnarchend und fest angekuschelt mit im Bett seiner Pflegeeltern und machte sich dabei manchmal ganz schön breit. 😜

Boy war ein kauziges Original – spleenig, manchmal grumpelig und oft empört aber gleichzeitig auch unheimlich lieb, anhänglich, lustig und absolut entzückend. Der kleine Mann liebte Spaziergänge in Wald, Feld und Flur. Dabei zuckelte er auf steifen Beinchen aber mit fröhlich wackelnden Ohren voraus und wirkte immer sehr beschäftigt. In seiner Pflegestelle hatte er außerdem eine neue große Liebe gefunden — einen quietschenden Kuschelbären. Mit diesem wurde gezergelt und geschüttelt, was das Zeug hält und in Spielpausen wurde der Bär liebevoll durch die Gegend getragen und durchgekaut. Boy kannte keinerlei Kommandos, konnte aber immerhin so niedlich “Bitte bitte” mit den Vorderpfoten machen, dass er damit in der Vergangenheit sicher viele Kekse abgestaubt hat.

Er lebte in seiner Pflegefamilie relativ unkompliziert in einer Hunde-WG mit einer Terriermix-Hündin seiner Größe. Manche Ressourcen teilte Boy zwar nicht gerne mit Artgenossen und oft hatte er am Liebsten einfach seine Ruhe, aber wenn keiner hinschaute, lagen die beiden Terrier auch schon mal ganz zufällig verdächtig kuschelig auf- und übereinander.

Es stand schnell fest –> dieser kleine Rüde braucht Niemanden, der ihn auf seine alten Tage noch komplett verbiegen will oder etwas aus ihm “herausstreicheln” oder in ihn “hineinerziehen” möchte. Wenn er in seinem Leben noch einmal umziehen sollte, dann nicht um jeden Preis sondern optimalerweise wirklich nur noch ein einziges letztes Mal – in ein passendes Zuhause auf Lebenszeit.

Im November 2020 wurde bei Boy dann leider Leberkrebs in weit fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert. Daher stand er nicht mehr zur Vermittlung und blieb Teil seiner Pflegefamilie. Er blieb acht Monate schmerzfrei und sehr gut drauf und wir hätten dem kleinen Mann auch noch viel mehr schöne Tage voller Lebensfreude und -qualität gewünscht.

Update 16.06.2021

Am 16.06.2021 morgens wurde Boy im Beisein seiner Pflegefamilie eingeschläfert.

Kleiner Mann, wir hatten Dir am Tag deiner Krebsdiagnose versprochen dich gehen zu lassen, bevor alles richtig schlimm wird. Du solltest noch ein gutes schmerzfreies und lebenswertes Leben haben und dann gehen dürfen, wenn das nicht mehr möglich ist. Und auch wenn es uns innerlich zerreißt, dass wir diese Entscheidung für und über dich treffen mussten – dieses Versprechen haben wir heute gehalten.

Für uns – deine Hospizpflegestelle – warst du unser Hund und Teil unserer Familie. Du hast den Laden hier sowas von gerockt und es ist unfassbar schade, dass wir Dich nicht schon früher kennengelernt haben. Du wirst uns so sehr fehlen!

Mach´s gut kleiner Opitz, wir haben dich lieb!